29. April 2014

Beteiligungsprojekt „Jeder bestimmt seine Geburtstagsfeier im Kindergarten“

 

„Eine demokratisch verfasste Gesellschaft ist die einzige Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss, alle anderen Gesellschaftsordnungen bekommt man so.“ (Negt)

Unsere Einrichtung hat sich vor einigen Monaten auf den Weg gemacht, den Alltag im Kindergarten daraufhin zu untersuchen, wer etwas mitgestaltet und entscheidet.

Die Frage nach dem Freiraum, in dem Kinder mitgestalten und mitbestimmen ist in einem Haus, das sich 87 Kinder und fast 20 Erwachsene teilen, sehr wichtig. Und wir können sie nicht ignorieren! In der UN-Kinderrechtskonvention, die seit 1990 von fast allen Staaten weltweit ratifiziert wurde, steht ausdrücklich das Recht der Kinder auf Berücksichtigung ihres Willen und auf ihre Meinungs- und Informationsfreiheit.

Zunächst machten wir Erwachsenen uns mit dem Thema „Partizipation“ während unserer Studientage im Oktober 2013 vertraut. Zusammen mit Nicole Rüter, die vom Diakonischen Werk in Niedersachsen dafür ausgebildet wurde, lernten wir anhand einer Planung eines Beteiligungsprojektes die Grundsätze und Methoden der Partizipation kennen. Das Thema des Projektes, nämlich „Jeder bestimmt seine Geburtstagsfeier im Kindergarten“ entstand aus den Beobachtungen der Erzieherinnen, die eine gewisse Unzufriedenheit der Kinder und Erwachsenen an den Geburtstagsfeiern feststellten.

Innerhalb des Projektes lernten Kinder Prozesse kennen, die zu einer Demokratie gehören, indem sie diese selbst erlebten.

Ablauf des Projektes:

Zuerst ging es um die Meinungsbildung der Kinder. Denn nur, wenn ich über Informationen verfüge, kann ich mich entscheiden. Die erste Frage war: Wie feiern wir hier im Kindergarten Geburtstag? Welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten gibt es in den einzelnen Gruppen? Jede Gruppe erarbeitete zunächst, wie innerhalb der eigenen Gruppe gefeiert wird und welche Bestandteile dazu gehören. Dies wurde in einem sogenannten „Geburtstagstisch“ sichtbar gemacht. Dort lagen die konkreten Utensilien, wie z. B. der Kerzenkranz, die Spielpuppe. Es mussten jedoch auch Symbole für abstrakte Bestandteile der Feier gefunden werden, wie für ein Lied, die Begrüßung des Geburtstagskindes usw.

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Der Geburtstagstisch der gelben Gruppe

Die Geburtstagstische der Gruppen fanden nun auf dem Flur Platz, dort konnten sich alle einmal ansehen, was  überall zu finden ist und was sich unterschied.

Damit Kinder auch noch andere Formen und Inhalte von Geburtstagsfeiern kennenlernen konnten, führten unsere Großen Interviews mit Schulkindern der Grundschule Oyten. Eltern konnten einen Fragebogen ausfüllen und abgeben, wie sie als Kind gefeiert haben. Für einige Tage verwandelte sich der Besprechungsraum der Erwachsenen in ein Kino. Dort wurden Filme gezeigt, wie „Pippi Langstrumpf“ oder „Conni“ Geburtstag feiern. Außerdem gab es in unserer Kiga-Bücherei Bilderbücher zum Thema.

Ziel für diese Phase des Projektes war es, dass Kinder Kenntnisse über das Feiern von Geburtstagen sammeln. Dazu war notwendig, dass das pädagogische Fachpersonal sich Methoden überlegte, wie einzelne Bestandteile dargestellt werden können, damit jedes Kind dies nachvollziehen und sich so eine Meinung bilden konnte. Dies können Gespräche sein, es gibt jedoch auch andere Formen von Kommunikation, z. B. Symbole, Gebärden oder Signale.

Schließlich kam die Entscheidungsphase. Das Ziel war, die einzelnen Elemente einer Geburtstagsfeier festzulegen. Jede Gruppe hatte dazu ihren Wahltag, dies bedeutete dass das einzelne Kind in einer geheimen Wahl aussuchte, was es in der großen Geburtstagskiste haben wollte. Dazu wurden Fotos der möglichen Bestandteile im Besprechungsraum der Erwachsenen ausgestellt. Nun bekam jedes Kind acht Klebepunkte, die es auf die Rückseite der Fotos klebte, die etwas darstellen, was dieses Kind gerne beim Geburtstagfeiern dabei hätte. Die Kinder gingen einzeln wählen und wurden dabei von einer ihrer Gruppenerzieherinnen begleitet.

Nach den Wahltagen wurden Punkte gezählt und dementsprechend die Geburtstagskiste gefüllt. Nun feiern wir seit einigen Wochen anders Geburtstag als vorher. Das Geburtstagskind bespricht schon einige Tage vor seiner Feier mit seiner Erzieherin, wie es gerne feiern möchte: in welchem Raum, mit welchen Kindern, ob es spielen, tanzen oder turnen möchte, ob es sich ein Lied wünscht usw. Dazu haben wir einen extra Fragebogen für die Kinder entwickelt, der nach dem Geburtstag in die Schatzmappe dies Geburtstagskindes eingeheftet wird.

Auf der Pinnwand im Flur können alle Kinder sehen, wer in dieser Woche Geburtstag hat und wo das Kind gerne feiern möchte. Das erleichtert die Planung im ganzen Haus.

Geburtstags-Pinnwand

 

| Von Martina Laute-Voßwinkel